Aktuelles aus der Kirchengemeinde

Vom Hamstern und Vertrauen“ – Andacht vom 27.03.2020

  • „Bitte seien Sie fair und kaufen Sie nur in haushaltsüblichen Mengen!“

Diesen Aufruf las ich neulich im Supermarkt. Der Anblick leerer Regale ist ungewohnt. Werde ich noch bekommen, was ich brauche? Diese Frage treibt derzeit viele Menschen um. Mehl, Nudeln, Zwieback, Seife und Toilettenpapier sind ständig mehr oder weniger ausverkauft. Und diese Aufzählung ließe sich fortsetzen. Die Angst lässt viele Menschen zugreifen, zum Teil weit über den Bedarf für die nächsten Tage hinaus.

Dabei werden Lebensmittel und Dinge des täglichen Bedarfs weiter produziert und verkauft. Von vielen Seiten wird darauf hingewiesen, dass Hamsterkäufe nicht notwendig sind. Nicht not-wendig? Irgendeine Not der Menschen wenden sie doch offenbar! Denn aus Spaß kauft wohl niemand in solchen Mengen ein. Schließlich muss alles Eingekaufte ja bezahlt, geschleppt und gelagert werden.

Ich verstehe die Hamsterkäufe als einen Versuch, das eigene Leben zu sichern. Wir leben in einer Ausnahmesituation, die wir uns noch vor wenigen Wochen nicht vorstellen konnten. Wichtige Grundrechte sind aufgehoben oder eingeschränkt. Wir dürfen uns nicht versammeln und nicht verreisen. Geschäfte, Cafés und andere Einrichtungen mussten schließen. Manche Menschen sind in Sorge um die eigene Gesundheit oder um die Gesundheit lieber Menschen. Und wir wissen nicht, wie lange das alles so sein wird. Niemand kann derzeit sicher sagen, wie schnell sich das Corona-Virus weiter verbreiten wird, wann es einen Impfstoff oder Medikamente geben wird.

Wir spüren wohl wie noch nie oder wie seit langem nicht mehr unsere eigene Bedürftigkeit und Verwundbarkeit. In dieser Zeit tiefer Unsicherheit halten wir uns an dem fest, was wir beeinflussen können, um unser Leben zu sichern. Wir decken unsere Grundbedürfnisse.
Wenn ich auf die Angst und die Unsicherheit schaue, fällt es mir ein wenig leichter, die Frau zu verstehen, die vor mir in der Kassenschlange steht mit den letzten zehn Packungen Mehl in ihrem Einkaufswagen. Wohl niemand von uns ist frei von Angst um das eigene Leben.

„Wer von euch kann durch Sorgen sein Leben auch nur um einen Tag verlängern?“, fragt Jesus in der Bergpredigt (Matthäus 6,27). Ich habe mein Leben nicht selbst in der Hand und kann es nicht selbst sichern. Ich kann nicht heute alles kaufen, was ich für den Rest meines Lebens brauche. So lange ich lebe, werde ich bedürftig und verwundbar bleiben.
„Macht euch keine Sorgen um Euer Leben, ob ihr etwas zu essen oder zu trinken habt!“, fordert Jesus seine Zuhörerinnen und Zuhörer auf (Matthäus 6,25). Bei meinem letzten Einkauf und dem Anblick der leeren Regale habe ich den Satz noch einmal neu verstanden: Sorge und Angst machen meinen Blick eng. Ich verliere meine Mitmenschen aus dem Blick. Jeder ist sich selbst der Nächste.

„Bitte seien Sie fair und kaufen Sie nur in haushaltsüblichen Mengen!“
Das Schild versucht, meinen Blick zu weiten. Bitte denk‘ nicht nur an Dich! Denk auch an die, die wie Du sind, verunsichert und bedürftig. Lass Deinen Mitmenschen noch etwas übrig, damit sie nicht leer ausgehen.

Angst und Sorge gehören zu unserem menschlichen Leben hinzu. „Dass die Vögel der Sorge und des Kummers über deinem Haupt fliegen, kannst du nicht ändern. Aber dass sie Nester in deinem Haar bauen, das kannst du verhindern“. Diese Worte, die Martin Luther einmal gesagt haben soll, erinnern mich daran: Ich bin der Angst und der Sorge nicht ganz und gar hilflos ausgeliefert. Sie haben eine große Macht. Aber sie sind nicht allmächtig.
Bei aller Verunsicherung und Sorge traut Jesus uns Menschen zu, auszubrechen aus dem Tunnel, der immer enger wird, und uns umzuschauen. „Seht die Vögel an! Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln keine Vorräte – aber euer Vater im Himmel sorgt für sie“, so fordert Jesus die Menschen damals und uns heute auf (Matthäus 6,26). „Seht die Vögel an!“ Ändert eure Blickrichtung und schaut zum Himmel! Blickt auf Gott! Er hält euer Leben in der Hand. Niemand kann und niemand muss sein Leben selbst sichern.

Wenn ich vertrauensvoll auf Gott schaue, dann wird mein Blick weiter. Ich habe auch wieder Augen für meine Mitmenschen und für das, was sie brauchen. Das heißt nicht, dass die Sorgen damit verschwunden wären. Die Situation ist und bleibt erst einmal ernst und für manche Menschen sogar bedrohlich. Doch hilft der Blick auf Gott mir, die Gefährdung meines Lebens auszuhalten. Was immer kommen wird: Gott lässt mich nicht fallen.

Dieses Vertrauen hilft mir, die Vögel der Sorge aus meinen Haaren zu verscheuchen und auch meine Mitmenschen wieder in den Blick zu bekommen. Nicht umsonst hängen im biblischen Verständnis der Blick auf Gott und der Blick auf meine Mitmenschen aufs Engste zusammen. Das wichtigste Gebot besteht darum aus zwei Teilen: »Liebe den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen, mit ganzem Willen und mit aller deiner Kraft und deinem ganzen Verstand! Und: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!« (Lukas 10, 27)

Oder, wie eben auf jenem Schild im Supermarkt:
„Bitte seien Sie fair und kaufen Sie nur in haushaltsüblichen Mengen!“


Gott des Lebens,
aus Deiner Hand kommt unser Leben – jeder Augenblick, jeder Atemzug, jeder Herzschlag.
Bis heute hast Du mich begleitet und bewahrt – mich, meine Mitmenschen, die Welt. Danke!
Du kennst die Sorgen aller Menschen und weißt auch, was mir auf dem Herzen liegt.
Deiner Fürsorge möchte ich mich anvertrauen. Doch das ist gar nicht so einfach.
Manchmal versperrt mir die Angst den Blick auf Dich und auf meine Mitmenschen.
Ich möchte Dir vertrauen, Gott. Komm Du mir entgegen!
Hilf mir und allen Ängstlichen, den Sorgen entgegenzutreten und auch auf die anderen zu schauen.

Hab Dank für alle Hilfe und Unterstützung, die ich auch in diesen Tagen erfahre.
Danke für alle, die sich für Ihre Mitmenschen einsetzen:
Ärztinnen und Krankenpfleger, Kassiererinnen und Busfahrer.
Sei Du bei ihnen mit Deiner Kraft und Deinem Segen.
Hilf denen, die keine Rücksicht nehmen wollen, zu Verständnis und Geduld.
Ermutige alle, die um ihre wirtschaftliche Existenz bangen.
Sei bei den Einsamen und den Kranken.
Halte die Sterbenden und die Trauernden in Deiner Hand.
Gib uns und dieser Welt Deinen Frieden. Amen.

Pfarrerin Christine Grünhoff

Zurück